Betrachtungsweisen der Wirklichkeit in der Dokumentarfotografie

Was ist Dokumentarfotografie?

Als ich mir die Frage das erste Mal stellte, kam ich ganz aus der Gedankenwelt der Historiker. So fiel auch meine Antwort aus. Ich guckte was andere dazu gesagt und gemacht hatten. Schnell erkannte ich den Unterschied zwischen denen, die dokumentierten und denen, die darüber schreiben. Beides zusammen machen wenige.

Und so entstanden viele Artikel mit Aspekten und Antworten über das, was Dokumentarfotografie ist.

Wenn ich das Konkrete etwas abstrahiere, dann lande ich bei folgenden Gedanken.

In vielfacher Form ist die Fotografie ein Darstellungsmedium. Sie konstruiert Wirklichkeit, sie dokumentiert durch konstruierte Wirklichkeit, sie ist ein persönliches Ausdrucksmittel, sie zeigt, sie verschweigt, sie ist die Essenz der virtuellen Welt.

Sie konstruiert auch auf den vorgegebenen Wegen eine globale visuelle Kultur und sie produziert eine eigene Matrix.

Barbara Becker hat das so ausgedrückt: „Das Potential einer Fotografie liegt demnach nicht in einer wirklichkeitsgetreuen oder wahrhaftigen Realitätsabbildung, vielmehr besteht ihre besondere Bedeutung und Funktion gerade in ihrer Selektionsfunktion, d.h. im Herausheben eines bestimmten Aspektes bzw. in der Betonung von spezifischen Details eines Wirklichkeitsausschnittes. Erneut deutlich wird, dass man das Verhältnis von Fotografie und Wirklichkeit nicht mit den Kategorien wahr und falsch fassen kann: Fotografien liefern Betrachtungsweisen der Wirklichkeit und niemals diese selbst (Matz).“

Ich denke, daß diese Worte der Schlüssel sind, um das Thema und sich selbst lebenslang immer wieder neu anpacken zu können.

  • Welche Betrachtungsweisen der Wirklichkeit habe ich,
  • welche Interessen leiten mich,
  • welche Themen suche ich,
  • welche Themen meide ich?

Die Betrachtungsweisen der Wirklichkeit sind eine wunderbare Begrifflichkeit, um deutlich zu machen, daß alles von Interessen und Einstellungen abhängt.

Die dokumentarische Fotografie kann daher nur eine Darstellung persönlicher Sichtweisen auf ein Thema, ein Ereignis oder eine Situation sein.

Dabei können objektiv vorhandene Tatsachen gezeigt werden aber immer in ihrem Kontext.

So betrachtet ist die Dokumentarfotografie eine Frage der Haltung zur Welt und wer sie zeigt, wird eben auch vom dokumentarischen Impuls bestimmt.

So laßt uns denn unsere Haltung zur Welt zeigen!

 

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About Michael Mahlke

Früher habe ich Bücher geschrieben über den Nationalsozialismus, die Gewerkschaftsbewegung, das Leben der kleinen Leute im Arbeitsleben, Ausstellungen organisiert, Lernsoftware entwickelt und Seminare zu Themen wie „Global denken vor Ort handeln“ geleitet. Nach der Grenzöffnung 1989 qualifizierte ich Menschen und half, in Umbrüchen neue Lebensorientierungen zu finden und dann wechselte ich in die industrielle Organisationsentwicklung. Oft war ich einer der wenigen, der das Sterben der Betriebe und das Sterben der Hoffnung der Menschen sah. Ich wollte nicht nur helfen sondern auch festhalten für die Nachwelt. Denn die Worte zeigten keine Gesichter und die Geschichten erzählten keine Momente, so wie ich es erlebt hatte. Wenn ich das alles damals schon nicht aufhalten konnte, dann wollte ich es wenigstens festhalten. So kam ich zum Fotografieren. Mehr hier - http://dokumentarfotografie.de/2022/09/17/der-fotomonat-und-seine-zeiten/

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