Das Überflüssige ist eine sehr wichtige Sache

Der Insider Peter Harf spricht über „Eine Konzentration von Reichtum, wie es sie in der Geschichte noch nie gegeben hat“

Er weist auf eine neue Situation hin.

Was bedeutet das für die sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie?

Ich möchte Ihnen dazu einen Gedankengang von foto-schuhmacher.de vorstellen:

„Da angesichts fast perfekter Autofokussysteme und über 100 Bildern in der Sekunde der Fortschritt jedoch ausgereizt ist, kamen Randbereiche hinzu, wie schicke Retro-Kameras als Schmuck-Accessoire oder Schaustück für die Vitrine – gerne als Sammlerstück bezeichnet. Man ist so reich, dass man sich eine Zweit- oder Drittkamera als Überfluss leisten kann und dies demonstrativ zeigt. Das Verhalten ist nicht neu. Bereits Voltaire schrieb und sagte in mehreren Formen: Le superflu, chose très nécessaire. – ‚Das Überflüssige ist eine sehr wichtige Sache‘ (Quelle.)

Korrekt ist, dass dies derzeit den Kameraherstellern hilft und den steilen Abstieg bremst. Das klingt so positiv für die Hersteller, und jene feiern dies auch. Allerdings führte es zu jenen Tsunami-Effekten: einem extremen Anstieg der Kaufnachfrage bei Neumodellen sofort nach der offiziellen Vorstellung, mit jedoch kurz darauf ebenso steilem Abfall in die Bedeutungslosigkeit. Die meisten der sogenannten neuen ‚Nischenprodukte‘ sind nur im ersten Jahr erfolgreich und werden danach zu Ladenhütern.

Hinzu kamen durch die Spontankäufe auch die schnelle und hohe ‚Flutung‘ der Gebrauchtmärkte nach oft bereits einem Jahr mit den inzwischen ‚veralteten‘ Kameras durch jene unstete Kundschaft. Auch das scheint die Kamerahersteller kaum zu interessieren. Als typische ‚Kistenschieber‘ reicht es ihnen primär, Neuware zu verkaufen.

Man muss jedoch befürchten, dass den Kameraherstellern dieser erhebliche soziale Wandel bisher in seiner ganzen Tragweite noch nicht klar geworden ist. Diese Kundschaft wurde immer unsteter und unberechenbarer. Sie gaben 2024 bereits rund 2.000 Euro für eine Kompaktkamera (Fujifilm X100VI) aus – für den spontan auftretenden ‚kleinen Fotohunger zwischendurch‘. Dabei achten sie zudem nicht mehr auf den Hersteller. Die Herstellerbindung respektive Markentreue weicht somit zunehmend bei allen Käufern auf. Das früher Berechenbare schwindet. Der Kameramarkt wurde volatil. Diese interne Volatilität kommt zur äußeren durch Politik und Wirtschaft verursachten seit Jahren zunehmenden Unsicherheit hinzu und bildet ein brisantes Gemisch.

Wenn – absolut wie vor allem prozentual – immer mehr wohlhabende und reiche aber ältere Kunden immer mehr und immer schneller Ware kaufen, dann wird mit deren Ausscheiden, sei es mangels Interesse, oder mangels Gesundheit, oder schlichtweg durch Altersheim und Tod das Ende der dedizierten Kameras auch viel schlagartiger eintreten.

Es kommt (bereits rein mathematisch gesehen) jedoch noch schlimmer für die Kamerahersteller: Wenn früher die vielen ärmeren Fotografen nur alle 6-10 Jahre eine neue Kamera anschafften, und damals die Reichen ca. alle vier Jahre, dann ergab dies einen damals geschätzten Gesamtmarkt vom 5- bis 8-fachen an potentiellen Kunden im Verhältnis zu den Jahresverkäufen. Aber jenes damals so gerne verwendete Verhältnis hat sich heute in zweifacher Hinsicht geändert.

Sofern die Anzahl der Ärmeren ständig weiter abnimmt und die der Reichen absolut wie auch prozentual ansteigt, und diese Reichen zusätzlich nun auch noch beschleunigt – also alle 1-2 Jahre – neu kaufen, dann hat dies massive Auswirkung auf das früher als verlässlich angesehene Verhältnis von verkauften Kameras zur Gesamtzahl der aktiven Fotografen und somit Kunden. Das wiederum gibt den Gesamtmarkt an noch bestehenden Kunden (= Käufern) an.

Wenn wir im Extremfall den Zustand annehmen, dass nur noch die Reichen sich überhaupt Kameras leisten können und es jährlich durchführen, dann entspräche der Gesamtmarkt an Kunden nur noch den jährlich verkauften Kameras. Das wären (gemäß den aktuellen Zahlen) jedoch nur noch ca. 8 Mio.“

Ich wollte dies nicht mit eigenen Worten wiedergeben, weil es nicht besser formuliert wäre.

Aber was heißt das?

Nehmen wir Leica!

„Mit Andreas Voll gewinnen wir eine Persönlichkeit, die unternehmerische Weitsicht, technologische Kompetenz und ein tiefes Verständnis für Luxus- und Premiummarken vereint“, so Andreas Kaufmann von Leica in einer Mitteilung.

Das ist es also, Luxus- und Premiummarken.

Xiaomi ist dann eher was fürs Fußvolk?

Wenn ich dann die aktuellen Preise bei Leica sehe, dann kosten 5/26 eine Leica Q3 und eine Leica Q3 Monochrome zusammen ca. 13.000 Euro. Hinzu kommt dann noch eine aktuelle Leica-Uhr für ca. 14.000 Euro.

Der echte Leica-Kenner braucht noch eine Leica Q3 43 und eine M11 plus etwas mehr.

Damit sind wir aber nur da, wo es um die Marke geht und noch nicht um Limited Editionen oder gar Gehäuse mit Gold und Diamanten.

Das ist aber natürlich nur dann sinnvoll, wenn diese Person mehr hat und die Kameras nur Ausdruck seines Reichtums sind.

Denn bessere Fotos gibt es damit nicht, weil in digitalen Zeiten Alleinstellungsmerkmale fotografisch nicht ausreichen.

Stell dir vor du wohnst in einer 3 Zimmer Wohnung aber läufst mit Leica rum…

Das Marketing bei Leica spricht ja jetzt eher vom Leica Bilderlebnis.

Das ist ersetzbar durch das Canon, Fuji, Ricoh, Nikon… Bilderlebnis oder eben Xiaomi Bilderlebnis – oder Apple oder Hipstamatic.

Man kann aber noch viel mehr Bilderlebnisse haben oder Erlebnisse mit Bildern.

Das einstige Zugpferd von Leica war für mich Henri Cartier-Bresson. Der nutzte viele Jahre nur eine Kamera mit einer Brennweite und dies nur manuell und monochrom.

Damit wäre heute wohl eher weniger Geld bei einer Luxusmarke zu machen.

Womit wir hier auf Mr. White treffen, der der neue Kunde ist.

Zugleich ist diese Welt in meinen Augen etwas durcheinander geraten.

Leica ist weiter da als sehr teure Marke aber es gibt heute die einzigartige Fuji X100 Serie.

Es kommt also nicht immer auf den hohen Preis an, um einen hohen Wert in den Augen der Kunden zu haben.

Und nun kommt noch die Fuji X-E5 hinzu.

Es ist für mich interessant zu sehen, wie diese Kamera von Leica-Fotografiebegeisterten integriert wird, zumindest in Foren und auf Blogs und vielfach real.

Sie wird angenommen ohne ein Leica Klon zu sein.

Und sie ist auch noch bezahlbar!

Es scheint, wo klassische Fotografie im Leicalager noch eine Rolle spielt, entwickelt sich diese Kamera zum neuen Immer-Dabei Fotoapparat von vielen, die dann doch lieber ihre Leica Q oder M zu Hause lassen. Sie scheinen mit der Fuji X-E5 zufrieden zu sein, weil sie ihre Bedürfnisse erfüllt.

Insofern hat Fuji hier nun eine spezielle Zielgruppe jenseits der Fuji X100 Serie erreicht.

Und damit ist einerseits die Fuji X100 „das“ Lieblingspferd der neuen Digitalgeneration und andererseits die Fuji X-E5 ein Liebling der erfahrenen Leicanutzer geworden.

Das erinnert mich an meine analoge Leica CL. Die hatte ich auch immer dabei, während ich die Leica M6 zu Hause ließ.

Fotografisch habe ich nichts vermisst und die M6 tauschte ich ja dann gegen die erste Fuji X100 ein. Das war fotografisch eine gute Entscheidung.

Für mich kehrte Vollformat/Kleinbild fotografisch erst mit der Sony A7c im klassischen Design wieder auf und auch das liebe ich bis heute.

Denn die Frage nach der Sensorgröße ist ja unabhängig von Leica zu sehen. Und Kleinbild oder APS-C sind ja beide klasse.

Aber das sind natürlich keine Kriterien für die reichen „Nutzer“ von Kameras. Ich schätze, da geht das Sammeln sicherlich vor, weil die Leicas von heute keine besseren Fotos mehr machen als andere digitale Geräte. Natürlich wird immer weiter und immer höher der Weg der Zukunf im Luxus sein.

Und Sammlereditionen werden wohl kaum zum Fotografieren genutzt.

Und dann fängt natürlich auch irgendwann Schopenhauer an.

„Ein Tropf bleibt ein Tropf“ – auch mit einer teuren Kamera:

„Und allerdings ist für das Wohlsein des Menschen, ja, für die ganze Weise seines Daseins, die Hauptsache offenbar das, was in ihm selbst besteht oder vergeht. Hier nämlich liegt unmittelbar sein inneres Behagen oder Unbehagen, als welches zunächst das Resultat seines Empfindens, Wollens und Denkens ist; während alles außerhalb Gelegene doch nur mittelbar darauf Einfluß hat. Daher affiziren dieselben äußern Vorgänge oder Verhältnisse jeden ganz anders, und bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer andern Welt. Denn nur mit seinen eigenen Vorstellungen, Gefühlen und Willensbewegungen hat er es unmittelbar zu tun: die Außendinge haben nur, sofern sie diese veranlassen, Einfluß auf ihn. Die Welt, in der jeder lebt, hängt zunächst ab von seiner Auffassung derselben, richtet sich daher nach der Verschiedenheit der Köpfe: dieser gemäß wird sie arm, schal und flach, oder reich, interessant und bedeutungsvoll ausfallen. Während z. B. mancher den andern beneidet um die interessanten Begebenheiten, die ihm in seinem Leben aufgestoßen sind, sollte er ihn vielmehr um die Auffassungsgabe beneiden, welche jenen Begebenheiten die Bedeutsamkeit verlieh, die sie in seiner Beschreibung haben: denn dieselbe Begebenheit, welche in einem geistreichen Kopfe sich so interessant darstellt, würde, von einem flachen Alltagskopf aufgefaßt, auch nur eine schale Szene aus der Alltagswelt sein. Im höchsten Grade zeigt sich dies bei manchen Gedichten Goethes und Byrons, denen offenbar reale Vorgänge zum Grunde liegen: ein törichter Leser ist imstande, dabei den Dichter um die allerliebste Begebenheit zu beneiden, statt um die mächtige Phantasie, welche aus einem ziemlich alltäglichen Vorfall etwas so Großes und Schönes zu machen fähig war. Desgleichen sieht der Melancholikus eine Trauerspielszene, wo der Sanguinikus nur einen interessanten Konflikt und der Phlegmatikus etwas Unbedeutendes vor sich hat. Dies alles beruht darauf, daß jede Wirklichkeit, d. h. jede erfüllte Gegenwart, aus zwei Hälften besteht, dem Subjekt und dem Objekt, wiewohl in so notwendiger und enger Verbindung wie Oxygen und Hydrogen im Wasser. Bei völlig gleicher objektiver Hälfte, aber verschiedener subjektiver, ist daher, so gut wie im umgekehrten Fall, die gegenwärtige Wirklichkeit eine ganz andere: die schönste und beste objektive Hälfte bei stumpfer, schlechter subjektiver, gibt doch nur eine schlechte Wirklichkeit und Gegenwart; gleich einer schönen Gegend in schlechtem Wetter, oder im Reflex einer schlechten Camera obscura. Oder planer zu reden: Jeder steckt in seinem Bewußtsein wie in seiner Haut, und lebt unmittelbar nur in demselben: daher ist ihm von außen nicht sehr zu helfen. Auf der Bühne spielt einer den Fürsten, ein anderer den Rat, ein Dritter den Diener oder den Soldaten, oder den General usf. Aber diese Unterschiede sind bloß im Äußern vorhanden, im Innern, als Kern einer solchen Erscheinung, steckt bei allen dasselbe: ein armer Komödiant, mit seiner Plage und Not. Im Leben ist es auch so. Die Unterschiede des Ranges und Reichtums geben jedem seine Rolle zu spielen; aber keineswegs entspricht dieser eine innere Verschiedenheit des Glücks und Behagens, sondern auch hier steckt in jedem derselbe arme Tropf, mit seiner Not und Plage, die wohl dem Stoffe nach bei jedem eine andere ist, aber der Form, d. h. dem eigentlichen Wesen nach, so ziemlich bei allen dieselbe; wenn auch mit Unterschieden des Grades, die sich aber keineswegs nach Stand und Reichtum, d. h. nach der Rolle richten. Weil nämlich alles, was für den Menschen da ist und vorgeht, unmittelbar immer nur in seinem Bewußtsein da ist und für dieses vorgeht; so ist offenbar die Beschaffenheit des Bewußtseins selbst zunächst das Wesentliche, und auf dieselbe kommt, in den meisten Fällen, mehr an, als auf die Gestalten, die darin sich darstellen. Alle Pracht und Genüsse, abgespiegelt im dumpfen Bewußtsein eines Tropfs, sind sehr arm gegen das Bewußtsein des Cervantes, als er in einem unbequemen Gefängnisse den Don Quijote schrieb. – Die objektive Hälfte der Gegenwart und Wirklichkeit steht in der Hand des Schicksals und ist demnach veränderlich: die subjektive sind wir selbst; daher sie im wesentlichen unveränderlich ist. Demgemäß trägt das Leben jedes Menschen, trotz aller Abwechselung von außen, durchgängig denselben Charakter und ist einer Reihe Variationen auf ein Thema zu vergleichen. Aus seiner Individualität kann keiner heraus. Und wie das Tier unter allen Verhältnissen, in die man es setzt, auf den engen Kreis beschränkt bleibt, den die Natur seinem Wesen unwiderruflich gezogen hat, weshalb z. B. unsere Bestrebungen, ein geliebtes Tier zu beglücken, eben wegen jener Grenzen seines Wesens und Bewußtseins, stets innerhalb enger Schranken sich halten müssen; – so ist es auch mit dem Menschen: durch seine Individualität ist das Maß seines möglichen Glückes zum voraus bestimmt. Besonders haben die Schranken seiner Geisteskräfte seine Fähigkeit für erhöhten Genuß ein für allemal festgestellt. Sind sie eng, so werden alle Bemühungen von außen, alles, was Menschen, alles, was das Glück für ihn tut, nicht vermögen, ihn über das Maß des gewöhnlichen, halb tierischen Menschenglücks und Behagens hinaus zu führen: auf Sinnengenuß, trauliches und heiteres Familienleben, niedrige Geselligkeit und vulgären Zeitvertreib bleibt er angewiesen: sogar die Bildung vermag im ganzen, zur Erweiterung jenes Kreises, nicht gar viel, wenn gleich etwas. Denn die höchsten, die mannigfaltigsten und die anhaltendsten Genüsse sind die geistigen; wie sehr auch wir, in der Jugend, uns darüber täuschen mögen; diese aber hängen hauptsächlich von der geistigen Kraft ab. – Hieraus also ist klar, wie sehr unser Glück abhängt von dem, was wir sind, von unserer Individualität; während man meistens nur unser Schicksal, nur das, was wir haben, oder was wir vorstellen, in Anschlag bringt. Das Schicksal aber kann sich bessern: zudem wird man, bei innerm Reichtum, von ihm nicht viel verlangen: hingegen ein Tropf bleibt ein Tropf, ein stumpfer Klotz ein stumpfer Klotz, bis an sein Ende, und wäre er im Paradiese und von Huris umgeben“

Damit schließt sich der Kreis, weil ich zurückkomme zum Zitat von Voltaire, das auf foto-schuhmacher zu finden ist.

„Das Überflüssige ist eine sehr wichtige Sache“

Offenbar fürs Ego aber nicht fürs Foto!

About Michael Mahlke

Früher habe ich Bücher geschrieben über den Nationalsozialismus, die Gewerkschaftsbewegung, das Leben der kleinen Leute im Arbeitsleben, Ausstellungen organisiert, Lernsoftware entwickelt und Seminare zu Themen wie „Global denken vor Ort handeln“ geleitet. Nach der Grenzöffnung 1989 qualifizierte ich Menschen und half, in Umbrüchen neue Lebensorientierungen zu finden und dann wechselte ich in die industrielle Organisationsentwicklung. Oft war ich einer der wenigen, der das Sterben der Betriebe und das Sterben der Hoffnung der Menschen sah. Ich wollte nicht nur helfen sondern auch festhalten für die Nachwelt. Denn die Worte zeigten keine Gesichter und die Geschichten erzählten keine Momente, so wie ich es erlebt hatte. Wenn ich das alles damals schon nicht aufhalten konnte, dann wollte ich es wenigstens festhalten. So kam ich zum Fotografieren. Mehr hier - http://dokumentarfotografie.de/2022/09/17/der-fotomonat-und-seine-zeiten/

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