Zwischen Lidl und Lost Place – Orte der Fotografie zwischen Dokumentarfotografie und Instagram

Foto Mahlke – Von A. Ibach zu Lidl

Strukturwandel und sozialer Wandel sind vielfach sehr schön an veränderten sozialen Gebrauchsweisen der Fotografie zu sehen.

Eine Möglichkeit Strukturwandel fotografisch zu dokumentieren besteht darin Orte von sozialem Geschehen zu unterschiedlichen Zeitpunkten zu besuchen.

So habe ich viele Unternehmen besucht als sie noch existierten und den Kern der Industrieregion Remscheid-Solingen ausmachten.

Und dann habe ich die Orte ihrer früheren Existenz besucht als es sie nicht mehr gab.

Das ist eine Möglichkeit.

Eine ganz andere Möglichkeit ergab sich jenseits von mir bei der Firma Rasspe aus Solingen. Während ich damals die Zeit der sozialen Kämpfe bei Rasspe dokumentierte, wurde das Gelände nun als Lost Place für Instagrammer von der Tourismusregion Bergisches Land (Remscheid, Solingen, Wuppertal) entdeckt und genutzt.

Das ist ein bemerkenswert gutes Beispiel für veränderte und andere soziale Gebrauchsweisen der Fotografie.

Andere Motive, andere Interessen, andere Zeiten.

Hier ging es der Tourismusregion #diebergischendrei wohl nicht darum, Orte sozialer Kämpfe in der Region aufzuspüren, sondern wohl eher darum, neue Besuchergruppen zu erschließen, die Lust haben, einen Ort zu besuchen, der dem Muster der Lost Places Fotografie entspricht.

An diesem Beispiel sieht man was echte Dokumentarfotografie mit sozialen Themen im Längsschnitt und Querschnitt von Spontanfotografie auf Plattformen unterscheidet.

Zugleich zeigt sich hier auch der Umgang mit Geschichte. Sie findet in der Tourismusregion nur als Nostalgie statt nach dem Motto „so lebte man früher“ aber nicht als aktive Auseinandersetzung mit den Bedingungen der eigenen Existenz im sozialen Zusammenhang vor Ort.

Geschichte ist eben alles und bei Instagram eine Art Handyhäppchen-Fotografie ohne weiteren Sinn, um Momente des eigenen Sehens festzuhalten.

Dokumentarfotografie geht darüber hinaus und macht so deutlich, daß ein Lost Place (verlorener Ort) ein Ort sozialer Kämpfe und engagierter Menschen gewesen sein kann. So kann Dokumentarfotografie die Geschichten von Lost Places erzählen als es noch Living Places waren.

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About Michael Mahlke

Früher habe ich Bücher geschrieben über den Nationalsozialismus, die Gewerkschaftsbewegung, das Leben der kleinen Leute im Arbeitsleben, Ausstellungen organisiert, Lernsoftware entwickelt und Seminare zu Themen wie „Global denken vor Ort handeln“ geleitet. Nach der Grenzöffnung 1989 qualifizierte ich Menschen und half, in Umbrüchen neue Lebensorientierungen zu finden und dann wechselte ich in die industrielle Organisationsentwicklung. Oft war ich einer der wenigen, der das Sterben der Betriebe und das Sterben der Hoffnung der Menschen sah. Ich wollte nicht nur helfen sondern auch festhalten für die Nachwelt. Denn die Worte zeigten keine Gesichter und die Geschichten erzählten keine Momente, so wie ich es erlebt hatte. Wenn ich das alles damals schon nicht aufhalten konnte, dann wollte ich es wenigstens festhalten. So kam ich zum Fotografieren. Mehr hier - http://dokumentarfotografie.de/2022/09/17/der-fotomonat-und-seine-zeiten/

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